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Joerg-Rudolph.de - Sternchenaktion - Konzeption

Um die regelmässigen BesucherInnen des GMZ Schelmengraben zu motivieren, bestehende Konflikte und Probleme mit FreundInnen und Geschwistern ohne Gewalt zu lösen, starteten wir im Herbst 1999 die Sternchenaktion im GMZ Schelmengraben. Die TeilnehmerInnen wurden für gutes Verhalten belohnt und durften ihre wöchentlich verdienten Sternchen für "besondere" Aktionen ausgeben.

Der Anfang
Im Herbst 1999 ging es im Zentrum drunter und drüber. Vor allem die Kinder bis 13 Jahre waren nicht zu bändigen, sie schlugen sich, beschimpften ihre Freunde und wussten selbst intensiver Nachfrage (Einzelgepräche, Gruppengespräche, auch in der Schule) keine anderen Lösungsmöglichkeiten für ihre Probleme als Gewalt, Spott und Beleidigung.

Wir entschlossen uns aus diesem Grund eine Vollversammlung einzuberufen um mit den Kids zusammen Lösungsstrategien zu überlegen.

Es kamen erwartungsgemäß nicht viele Kinder, aber der harte Kern unserer BesucherInnen war da. Während des Gesprächs wurde sehr deutlich, dass für die Kinder Gewalt ein legitimes und von Eltern, Freunden und Geschwistern vorgelebtes Mittel ist, um Streitigkeiten zu begegnen. Nachgeben, klüger sein, erst nachdenken und dann reagieren, Schwäche zeigen, leise sein usw. sind Verhaltensweisen, die sie nie erlernt haben und ablehnen, um nicht im täglichen Überlebenskampf unterzugehen.

Unser Ziel in dieser Situation war es, diesen Verhaltensweisen zu begegnen und den Kindern einen Anreiz zu geben, anders miteinander umzugehen. Auf diesem Weg war es uns wichtig nicht mit Bestrafungen aller Art, wie Hausverbot, Strafarbeiten, Moralpredigten usw. den Kindern unsere Überzeugungen deutlich zu machen, sondern ein Belohnungssystem zu entwickeln, das die teilnehmenden Kinder dazu motiviert, sich sozialer zu verhalten und immer wieder über ihr Verhalten nachzudenken.

Konzept & Ablauf
Wir entwickelten mit den Kindern zusammen ein Belohnungssystem, das den Namen "Sternchen-Aktion" bekommen sollte. Teilnehmen konnten alle Kinder von 9-13 Jahren. Sie mussten sich für die Aktion anmelden und bekamen dafür von uns eine Art Ausweis ausgehändigt – das Sternchenheft.

Die Sternchen wurden wöchentlich an die Kinder vergeben, das von den Kindern herbeigesehnte Verteilen fand meistens am Donnerstag direkt nach dem Team statt.

Um eine gerechte Beurteilung des Verhaltens der TeilnehmerInnen während der letzten Woche zu gewährleisten, wurde es notwendig, die Erfahrungen und Meinungen aller MitarbeiterInnen zu vergleichen und dann teils nach längerer Diskussion dem entsprechenden Teilnehmer ein Sternchen zu verleihen oder auch nicht. So wurde die wöchentliche Sternchenvergabe zu einem festen Bestandteil unseres Teams. Es gab einige Kinder, die hier sehr viel Zeit in Anspruch nahmen, andere wurden nur abgenickt, und bei einigen war es manchmal notwendig aus pädagogischen Gründen ein Sternchen zu vergeben oder zu verweigern. Dies geschah meistens in Verbindung mit einem Gespräch mit dem betroffenen Kind.

TeilnehmerInnen
An der Aktion nahmen gegen Ende insgesamt 40 Kinder teil. Sie waren zwischen 9 und 13 Jahre alt und gehörten alle zu den regelmäßigen BesucherInnen des GMZ. Der feste Stamm an TeilnehmerInnen vergrösserte sich über die gesamte Laufzeit, die Aktion sprach sich unter den Kindern herum und wurde von allen positiv aufgenommen.

Die Aktionen
Wir führten für die Kinder verschiedene Belohnungsaktionen durch, für die die teilnehmenden Kinder jeweils eine bestimmte Anzahl von Sternchen einlösen mussten.

Datum TN Sternchen Aktion
01.03.00 7 *** Henkel-Eisbahn
29.03.00 3 ** Kino im GMZ
17.05.00 4 **** Kleinfeldchen
07.06.00 5 ** MiniGolf
05.10.00 12 ******** Phantasialand

Diese Aktionen waren nur für die Sternchen-Kinder bestimmt, d.h. Kinder die nicht an der Aktion teilnehmen wollten bzw. nicht genug Sternchen gesammelt hatten, durfen nicht mitmachen. Und natürlich gab es auch einige, die ihre Sternchen für bestimmte Aktionen aufhoben, obwohl wir die Vergabe so organisierten, das die Kinder an allen Aktionen teilnehmen konnten, auch wenn Sie mal eine schlechte Woche ohne Sternchen hatten.

Insgesamt nahmen an den Aktionen bei weitem nicht so viele Kinder teil wie eigentlich gekonnt hätten. Den Abschluss bildete die Fahrt ins Phantasialand (siehe Fotos).

Das Ende
Nachdem die Aktion ein halbes Jahr gelaufen war stellten wir fest, dass sich zum einen die Lage im GMZ in Bezug auf aggressives Verhalten unter den 9-12 jährigen aber auch in Bezug auf beschimpfen, rumpöbeln usw. gebessert hatte. Zudem interessierten sich immer weniger der Kids für die Sternchen, einige Karteileichen hatten sich zwar irgendwann einmal angemeldet, nahmen aber eigentlich nicht mehr teil. Deshalb beschlossen wir die Aktion mit einem Highlight zu beenden, für das die Kinder sich nochmal anstrengen mussten.

Acht Sternchen fürs Phantasialand und die Frage ob sie die zusammenbekommen, war lange Thema im Herbst 2000.

Es fuhren insgesamt 12 TeilnehmerInnen mit. Die Belohnungsaktion war für diese Kinder kostenlos.

Zusätzliche ermöglichten wir es 8 jugendlichen BesucherInnen aus dem Zentrum mitzufahren, ein Unkostenbeitrag von DM 15,- und die Altersgruppe ab 14 Jahre machte den Unterschied zu den Sternchen-Kids aus.

Reflexion
Der Arbeitsaufwand für die Aktion wurde von uns sicherlich am Anfang unterschätzt. Das gewissenhafte Führen der Listen und die wöchentliche Aktualisierung während des Teams nahm viel Zeit in Anspruch. Aber die Wirkung der Aktion war bei jedem Streit und Ärger spürbar. Um ihr Sternchen für diese Woche nicht zu gefährden, hielten die Kinder sich bei Streitigkeiten zurück und waren vor allem bei nötigen Interventionen der SozialarbeiterInnen mit Hinweis auf den eventuell verlorengehenden Stern schnell zur Einsicht bereit. Das Verhalten der Kinder untereinander und ihr Umgang mit Konflikten hat sich im Laufe der Aktion geändert.

Zudem führte die regelmäßige Besprechung der einzelnen Kids im Team zum zusammentragen aller Informationen über die einzelnen Kids, so dass mit den Erfahrungen aller Sozialarbeiter schnell deutlich wurde, bei welchem Besucher welche Probleme auftraten. Mit dem Ende der Sternchenaktion und dem weggefallenen Druck, die einzelnen Kinder "durchzusprechen" gingen viele Informationen verloren, die wenn im Team besprochen, evtl. weitere Massnahmen zur Folge gehabt hätten. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, das für die Wirkung einer solchen Aktion eine zeitliche Befristung mit Abschluss sinnvoll ist. Es werden Resourcen frei um andere Schwierigkeiten im Zentrum anzugehen oder mit neuen Ideen weiter zu machen.

Jörg Rudolph, GMZ Schelmengraben, 08/2001
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