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Joerg-Rudolph.de - Jungenprojekt zum Thema "Angst"
Im Rahmen ihrer Jungenarbeit veranstalteten das Kinder- und Jugendzentrum Biebrich und das Gemeinschaftszentrum Schelmengraben vom 23. Mai bis zum 27. Mai 2001 ein Projekt mit Jungen. Die Teilnehmer waren zwischen 9 und 13 Jahren alt und waren Besucher der Jungengruppen des jeweiligen Zentrums. Es nahmen 5 Jungen aus Biebrich und 6 Jungen aus dem Schelmengraben teil. Die Kooperationsveranstaltung fand in Bechersheim / Gangloff in der Pfalz statt. Das Projekt wurde von den beteiligten Sozialarbeitern, Wolfgang Rohr und Nedim Tuyun (Biebrich) und Jörg Rudolph (Schelmengraben), intensiv vorbereitet. Im Unterschied zu einer normalen Freizeit wurden der Tagesablauf straff organisiert, d.h. jede Aktion war geplant und Teil eines Gesamtkonzeptes. Ziel und Höhepunkt des Projekts wurden die "Bewegenden Geschichten" am letzten Abend.

Hintergründe zum Jungenthema Angst: Aufgrund von Rollenerwartungen ("Ein Junge zeigt keine Angst") in der heutigen Lebenswelt von Jungen werden eigene Ängste nicht artikuliert sondern oft auf konfliktträchtige und aggressive Art ausreagiert. Jungen werden zwar in vielen Bereichen mit Ängsten konfrontiert (Elternhaus, Mädchen, Ältere, Erwachsene wie Lehrer und Nachbarn), sie sprechen aber auch in guten Freundschaften nicht darüber sondern versuchen sich gegenseitig etwas vorzumachen.

"Das Seminar sollte es den Jungen ermöglichen, an Erlebnissen orientiert, alternative Reaktionen auf wahrgenommene Angst kennenzulernen und auszuprobieren. Solidarisches Handeln, Vertrauen und Intimität, sowie die Benennung dieses Gefühlszustandes (das ist erlaubt!) wurden als soche Handlungsalternativen diskutiert." (aus "Jungen in Bewegung – Konzept der Jungenarbeit in Wiesbaden", S. 45). Wir näherten uns dem Thema auf spielerische Art und Weise, zeigten einen Film der zum Thema passt und näherten uns dem Thema in Gesprächsrunden.


"Pädagogisches" Programm:

Zum hier aufgeführten "pädagogischen" Programm gehören zum einen die speziellen Angebote, aber auch in Freizeiten üblichen normalen Programmpunkte die natürlich immer pädagogisch unterlegt sind (Küchendienste, gemeinsames Essen, usw.). Der Ablauf des Seminars ist chronologisch aufgeführt:

Orientierung und erstes Kennenlernen (Mi, 17.00 Uhr):
Das erste gemeinsame Treffen der beiden Jungengruppen wurde notwendig, um die Schlafplätze im gemeinsamen Schlafraum zu verteilen. Danach erkundeten die Jungen die nähere Umgebung und das Haus, im Anschluss gab es ein erstes gemeinsames Treffen im Gruppenraum:

  • Wir hängten eine Wandzeitung auf (was finde ich gut, finde ich nicht gut),
  • Einen Ablaufplan über das Projekt aber ohne genaue beschreibung der einzelnen Aktionen (Action),
  • Auf einer gezeichneten Landkarte verdeutlichten wir den Jungen wo wir uns überhaupt befinden,
  • Und erläuterten verschiedene Hausregeln: Nachtruhe ist um 23.00 Uhr und immer gilt "Wer schlafen will muss schlafen können", Notausgänge dürfen nur im Notfall benutzt werden, vor 8.00 Uhr hat niemand etwas bei den Betreuern verloren, ihr dürft in dreier-Gruppen in die Stadt gehen, wir essen gemeinsam, keiner steht auf bevor wir fertig sind.....

Weiter ging es mit zwei Spielen.

Kennenlernen: Raum zuteilen - alle die zwei oder mehr Geschwister haben kommen in meine Ecke, einen Bruder und eine Schwester, Computer, Haustiere, .....
Kennenlernen: Partnerinterview - die Jungs werden in zweier Gruppen aufgeteilt und interviewen sich gegenseitig, der eine muss den anderen Jungen vor der Gruppe vorstellen so als wenn er es selbst wäre.

Küchendienste:
Der Küchendienst, der für den jeweiligen Tag eingeteilt war, bereitete mit einem Teamer die Mahlzeiten vor. Tischdecken, Kochen, Tee machen, abräumen usw. Anwesenheit war Pflicht, wenn auch schwierig durchzusetzen. Der Küchendienst war nach dem Essen fürs aufräumen zuständig.

Gemeinsame Mahlzeiten:
Wir legten sehr viel Wert darauf, dass alle Jungen gemeinsam aßen und sie sich erst vom Tisch entfernen durften, wenn alle fertig waren. Das Essen war gut und abwechslungsreich, die eingekauften Nahrungsmittel von ausgesuchter Qualität, d.h. die Kinder konnten z.B. Käsesorten probieren, die sie niemals davor gegessen hatten. Die gemeinsame Essenszeiten dienten auch dazu, verschiedene Aktionen vorzubereiten, so die Nachtwanderung oder die Punkteregelung, die zum Feuerspucken hinführen sollte. Das Essen gab dem Tag Regelmässigkeit und war Treffpunkt für alle.

Championsleague Endspiel Bayern München – FC Valencia (Mi, ab 21.30 Uhr):
Für den ersten Abend war als Programmpunkt eigentlich die Nachtwanderung geplant. Um den Bedürfnissen der Jungen entgegenzukommen, entschlossen wir uns kurzfristig zusammen das Fussballspiel anzuschauen. Die Hälfte der Jungen schaute fern, der Rest vergnügte sich andersweitig.

Gute-Nacht-Geschichte als Fortsetzungsroman (täglich vor der Nachtruhe):
Als kleines Einschlafritual begannen wir schon am ersten Abend den Jungen vorm schlafen eine Geschichte zu erzählen. Alle legten sich in ihre Betten und machten es sich gemütlich. Das Licht ging aus und Wolfgang las mit einer kleinen Taschenlampe die Geschichte vor. In den ersten Nächten war es noch schwierig die nötige Ruhe herzustellen, am letzten Abend waren fast alle Jungen vor dem Ende der Geschichte eingeschlafen.

Wecken mit Vivaldi (tägl. um 8.30 Uhr):
Wir haben die Jungen an jedem Morgen um 08.30 Uhr mit einem Kassettenrecorder und den "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi geweckt. An jedem Morgen mit einer anderen Jahreszeit. Beim Frühstück versuchten wir von den Jungen zu erfahren, inwieweit sie die Jahreszeiten unterscheiden können. In jedem Fall war diese Musik für viele der Jungen ein neues Erlebnis.

Gruppenspiele zum Thema Angst (Do, 10.00 Uhr):
Die erste Action des Tages waren Gruppenspiele zum Thema Angst. Sollte sich kennenlernen.

"Geschlossene Augen": Die Jungen suchten bekamen von uns einen Partner zugewiesen, verbandem diesem die Augen und begaben sich zu zweit nach draußen. An der Hand führte der Sehende den Blinden durch die Natur in der Nähe des Hauses. Nach einer Weile wurde gewechselt. Bedingung: Ruhe, keine Unterhaltung.

"Seilführung": Wieder im Gruppenraum verbanden wir allen Jungen die Augen, setzten sie in eine Ecke des Raumes und bauten einen Hindernisparcour auf, durch, über und unter dem sie an einem Seil entlang blind von einem zum anderen Ende laufen und krabbeln mussten.

"Tagebuch": "Wer von Euch hat schon mal Tagebuch geschrieben?". Auf diese Frage antworteten überraschend viele mit "ich". Wir teilten jedem Jungen ein leeres Buch aus und gaben Ihnen Zeit es zu gestalten sowie erste Gedanken aufzuschreiben. Es machte den Jungen Spass.

Feuerspucken (täglich und Abschluss):
Da die Jungen zu Beginn des Projekts nur sehr schwer davon abzubringen waren, sich gegenseitig mit den allerschlimmsten Beleidigungen zu titulieren, versuchten wir die Jungen mit der Aussicht auf eine Feuerspuck-Aktion davon abzubringen. Alle Jungen als Gruppe bekamen zu diesem Zeitpunkt 10 Punkte. Wenn nach dem Abendessen am Samstag Abend mindestens ein Punkt übrig bleiben sollte, würden wir mit den Jungs Feuer spucken. Jedes mal wenn einer der Jungen ein Schimpfwort zum besten gab und wir hörten es, gab es einen Punktabzug.

Nachdem am Samstag Abend wirklich nur noch ein Punkt übrig war, ohne dass wir allzusehr die Augen zugedrückt hätten, konnte die Aktion stattfinden. Mit zwei Fackeln, gereinigtem Benzin und besonderen Sporen (Konsistenz wie Mehl) aus der Apotheke konnte jeder Junge einmal Feuerspucker sein. Die Aktion war sehr spektakulär, etwas besonderes. Die Jungen wurden fotografiert, die Bilder schauten wir uns am späteren Abend im TV an.

Es war während der 5 Tage sehr klar zu beobachten wie motiviert die Jungs waren, keine Schimpfwörter zu sagen bzw. Wörter die Ihnen schon auf der Zunge lagen wieder runterzu schlucken. Die Aktion war ein Erfolg.

Gemeinsames Erleben (Do, 14.30 Uhr):
Weiter ging es mit verschiedenen Gruppenspielen, bei denen es um gemeinsames Handeln und sich "aufeinander verlassen können" ankam:

"Stern": Die Jungen stellen sich im Kreis auf, eng beieinander und Schulter an Schulter, Arme in die Mitte des Kreises ausgestreckt. In der Mitte steht ein Junge, macht den Körper kerzengerade und steif, und läßt sich fallen. Die anderen Jungen federn seine Fall ab und stoßen ihn sanft zurück in den Kreis.

"Förderband": Alle Jungen bis auf einen stellen sich zu zweit gegenüber und fassen sich an den Händen (gekreuzt und fest), ein Junge springt mit Anlauf in das gebildete Bett und wird von den Jungen langsam nach vorne geworfen, bis er wieder zum stehen kommt. Hier wird viel vertrauen benötigt.

"Sieben": Zum Abschluss ein keines Spiel zum beruhigen. Die Jungen müssen alle bis Sieben zählen, aber eine Zahl darf immer nur von einem Jungen gleichzeitig ausgesprochen werden. Wenn also zwei Jungen gleichzeitig drei sagen, beginnt alles von vorne. Voraussetzung: die Jungen müssen sich beruhigen, und dürfen nicht zu schnell sein. Sie haben es knapp nicht geschafft.

Bogen bauen (Do, 16.30 Uhr):
Gemeinsam als Gruppe begaben wir uns auf die Suche nach geeigneten Stöcken, aus denen die Jungen funktionierende Bogen herstellen konnten. Wir fanden nach einer kleinen Wanderung geeignete Hölzer und machten uns ans sägen und schnitzen. Da die Jungen für diese Aktion ihre Taschenmesser mitbringen sollten und sie diese endlich benutzen durften (die Messer haben wir am ersten Abend eingesammelt), waren alle begeistert. Leider erwies sich die mitgebrachte Bogenschnur als zu dünn um die Bögen zu spannen. Viele zerrissen sofort. So war es erst möglich die Bögen am nächsten Tag fertig zu bauen (nach Einkauf in Meisenheim) um mit den Jungen anschliessend auf Zielscheiben aus Pappe den Bogen und die Geschicklichkeit der Jungen zu testen. Die Umgebung mit den vielen Feldern eignete sich dazu hervorragend. Die Jungen konnten die Bogen mit nach Hause nehmen.

Film: "Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers" (Do, 20.00 Uhr):
Der amerikanische Abenteuerfilm erzählt die Geschichte von vier Jungen (ca. 13 Jahre alt), die ausziehen um eine Leiche zu finden. Sehr schön. Leider hatten ihn einige der Jungen schon gesehen.

Nachdem die erste Nacht für viele der Jungen recht kurz war, schlief einer während des Filmes mehrmals ein. Dies ließen wir nicht zu und weckten ihn mehrmals (auch mit Wasser). Nachdem viele der anderen Jungen das ziemlich witzig fanden, machten wir den Jungen in einer Ansprache (sehr ernst, sehr laut) klar und deutlich, dass wir es durchaus tolerieren, wenn sie Nachts ihren Spass haben und nicht schlafen, dass wir von ihnen aber erwarten, das sie am nächsten Tag am Programm teilnehmen.

An diesem Abend haben alle Jungen schnell geschlafen.

Rollenspiel zum Thema Angst (Fr, 10.00 Uhr):
Nachdem die Teamer eine vorher besprochene Szene vorgespielt hatten (4 Jungs wollen Klettern gehen, einer bekommt auf einmal Bauchschmerzen und kann nicht den Berg hoch – Angst) haben wir die Jungs in drei Gruppen aufgeteilt und mit Ihnen zusammen ein eigenes kleines Stück einstudiert (ca. 30 min). Wieder zusammen im Gruppenraum haben die Jungs die einzelnen Stücke vorgespielt, sie wurden dabei auf Video aufgezeichnet.

Geschichte 1: Drei Jungen nehmen einem anderen die Mütze ab und spielen damit, der Junge ohne Mütze fängt an zu weinen.

Geschichte 2: Ein kleiner Junge wird an der Bushaltestelle von zwei grossen geschlagen und beklaut wehrt sich aber.

Geschichte 3: Zwei Jungen lassen zwei andere nicht durch ein Tor passieren, nachdem sie den schwächeren Kloppe angedroht haben, hauen diese ab.

Im Anschluss an das Rollenspiel hatten die Jungen Zeit, in ihr Tagebuch zu schreiben.

Ausflug nach Meisenheim (Fr, 14.00 Uhr):
Auf Wunsch der Jungen und um weitere Nahrungsmittel einzukaufen, änderten wir unser Programm und fuhren nach Meisenheim (ca. 30 Minuten entfernt). Wir vereinbarten in der Stadt einen Treffpunkt und trennten uns von den Jungen. Diese liefen in zwei Gruppen alleine durch die Strassen der Stadt. Eine Intervention wurde nötig, nachdem einer der Jungen in einem Geschäft die Verkäuferin angepöbelt hat.

Im Anschluss haben die Jungen in einem Supermarkt ihre Vorräte an Nahrungsmittel aufgestockt und wir für die Mahlzeiten eingekauft.

Konfliktrunde (Fr, 20.00 Uhr):
Aus aktuellem Anlass wurde es nötig, den gemeinsamen Abend miteiner Konfliktrunde zu eröffnen. Zwei der Jungen hatten über den Tag Streit miteinander, der ohne Intervention nicht lösbar schien. D.h. alle Jungen setzten sich auf Stühlen in den Kreis und die Streithähne erzählten nacheinander ihre Geschichte. Danach hatten die anderen Gelegenheit ihren Beitrag zu leisten. Da wir zu keinem Ergebnis kamen, endete die Runde mit der Bitte von uns, das die Jungen nacheinander und ohne von den anderen Unterbrochen werden, etwas sagen, was sie selbst am nächsten Tag besser machen wollen (schau dich selbst an und kritisiere nicht nur den anderen).

Im Anschluss schauten wir uns die Videos der Rollenspiele vom Vormittag an sowie die Bilder der letzten Tage, die mit der Digitalkamera fotografiert worden waren.

Nachtwanderung mit Gruselgeschichte (Fr, ab Dunkelheit):
Wolfgang und Nedim haben vor dem Abend essen die Geschichte vorbereitet. Mit Angst erzählten sie schon während des Abendessens von der Story des Imkers mit dem abgeschnittenen Finger. Einem Vorfahren wurde vor Ewigkeiten fälschlicherweise ein Finger abgehackt und unter bestimmten voraussetzungen kann man diesen Finger heute noch ab und zu im Wald auftauchen sehen. "Aber ob wir Euch diese Geschichte überhaupt erzählen können, erfahrt ihr erst nach einer Teambesprechung", (Nedim zitterte während des Abendessens, dies wurde von den Jungen auch wahrgenommen aber nicht angesprochen).

Die geheimnisumwitterte Nachtwanderung bestand dann aus drei Prüfungen, die die Jungen bestehen mussten, um den Finger zu sehen.

  1. Leise sein, nur flüstern bis zum Punkt X,
  2. In zweier Teams eine bestimmte Strecke im Wald ablaufen, in der es total dunkel war, laufen von Kerze zu Kerze bis zum Ende und dann ganz leise sein. Prüfung war bestanden als Jens, der die Kerzen als letzter einsammelte, ohne was zu merken an uns anderen vorbei gelaufen war.
  3. Nach einer kleinen Wanderung zum Imkerhaus mussten die Jung´s sich hinsetzen und ein bestimmtes Ritual absolvieren (Summ, summ, summ, nach unten schauen, leise sein....)

Nun, wie nicht anders erwartet, zeigte sich der Finger und verschwand nach kurzer Zeit wieder. (Wolfgang und Nedim haben eine Vorrichtung arrangiert, mit der sie über eine durchsichtige Schnur einen am Nachmittag aktivierten Leuchtstab in ca. 50 m Entfernung aus dem Boden ziehen, ihn bewegen und dann wieder verschwinden lassen konnten.)

Die Jungs waren teilweise verängstigt, teilweise tief betroffen oder mussten pinkeln. Einige dachten sie wüssten was passiert war, aber Abmachung war im Vorfeld niemandem zu verraten, was man da gesehen hat. Auch wir erzählten im Anschluss an die Nachtwanderung nichts mehr zu der Geschichte. Gut.

Auch heute Nacht, zusammengeschweißt durch das gemeinsam erlebte, haben die Jungs gut geschlafen.

Traumreise (Sa, 10.00 Uhr):
Die Jungen sollten sich auf ISO-Matten legen und es sich bequem machen. Sie bekamen die Augen zugebunden. Nachdem eine besondere Entspannungsmusik lief, begannen wir eine Geschichte zu erzählen, die bei den Jungen viele verschiedene Bilder im Kopf entstehen lässt.

Im Anschluss bildeten die Jungen zweierPaare bekamen jeweils einen Igel-Ball und massierten sich gegenseitig. Die Bälle verhinderten die direkte Berührung der Jungen und ermöglichte es ihnen so sich gegenseitig zu massieren. Wir achteten darauf, das die Jungen dies langsam und vorsichtig taten.

"Das finde ich gut an Dir...." (Sa, 11.30 Uhr):
Eine weitere Runde im Stuhlkreis: Die Jungen bekamen Schilder aus Papier, auf die sie ihren Namen schreiben und das Schild an ihrem Stuhl befestigten. Die Aufgabe bestand darin, auf Karten positive Eigenschaften über die anderen Jungen aufzuschreiben (guter Freund, schöne Augen, guter Fussballspieler, Kumpel, usw.) und die Karten dann auf den entsprechenden Stuhl zu legen. Wir Betreuer beteiligten uns ebenfalls am Schreiben und achteten darauf, das wirklich auf jedem Stuhl Karten gelegt wurden. Im Anschluss setzten sich die Jungen und wir lasen der Reihe nach die Karten vor.

Sie warteten gespannt und konzentriert und freuten sich sichtlich positives über sich zu hören. Einer der Betreuer schrieb die positiven Eigenschaften auf um sie später den Jungen für ihr Tagebuch mitzugeben. Eine andere Möglichkeit die Karten zu verarbeiten, die wir aus Zeitmangel nicht mehr verwirklichen konnten, wäre das rituelle verbrennen der ganzen positiven Eigenschaften in einem grossen Feuer (mit einer Geschichte: Die Indianer glauben das alles was verbrannt wird in den heiligen Geist eingeht und es so alle irgendwie mitbekommen...).

Schatzsuche (Sa, 16.30 Uhr):
Während die Jungen mit Wolfgang und Nedim die Bögen ausprobierten, bereitete Jörg die Schatzsuche vor. Mit dem Schatz (einer Kiste mit Süßigkeiten, schwer verpackt) und Kreide wurden Pfeile auf die Stasse gemalt, Hinweise auf kleine Zettel geschrieben die zum nächsten Zeichen führten und am Ende die Kiste versteckt. Die Hinweise wurden im Gruppenraum versteckt und mussten zu beginn der Aktion von allen Jungen gesucht und gemeinsam zur Schatzkarte zusammengelegt werden. Die anschliessende Suche führte die Jungen wiedermal in die Natur, in eine Richtung in der sie in den vergangenen Tagen nicht gewesen waren.

Grillen mit Lagerfeuer, (Sa, Abendessen):
Das letzte Abendessen fand bei schönem Wetter im Garten des Hauses statt. Ein kleines Buffet und das Lagerfeuer waren ein würdiges letztes warmes Essen. Wir saßen lange ums Feuer und unterhielten uns. Das kokeln mit Stöcken im Feuer macht immer Spass und so war es auch an diesem Abend.

Bewegende Geschichten (Sa, 22.00 Uhr):
Für uns Pädagogen war dies sicherlich der Höhepunkt des Projekts, auf den viele der anderen Aktionen hinausliefen.

Draussen war es dunkel, die Nacht war da. Wir setzten uns in einem Kreis, in der Mitte standen einige Grablichter und ermöglichten es uns und den Jungen die anderen zu sehen. Es war still und Wolfgang und Nedim eröffneten den Abend mit einer Einführung: "Ihr habt sicherlich gemerkt, dass wir in den letzten Tagen viele verschiedene und besondere Aktionen mit Euch gemacht haben.Diese letzten Tage waren wie eine Prüfung für den heutigen Abend. Ihr werdet Geschichten erzählen, die euch bewegt haben, traurige Geschichten, die ihr immer schon mal erzählen wolltet. Es wird heute niemand lachen und ihr werdet alles was ihr heute hört niemandem weitererzählen." So oder so ähnlich ging es also los und ob alles wirklich klappen würde war nach den letzten Tagen nicht so klar wie es wohl sonst der Fall war. Wir selbst beteiligten uns auch mit einer eigenen Geschichte, die auch uns Betreuer für kurze Zeit in den Mittelpunkt stellen soll, uns menschlich und angreifbar, aber auch authentisch macht. Mensch und nicht Sozialarbeiter.

Die Jungen begannen nach einander in einer fast unglaublichen Dynamik ihre persönlichen Dramen zu erzählen, sie weinten, wurden getröstet, waren erleichtert, bewegt, betroffen, fanden Freunde und Vertrauen, wuchsen zu einer Gruppe zusammen die etwas hatte was alle verband. Die einzelnen Geschichten waren teilweise so tragisch, das viele Verhaltensweisen und Auffälligkeiten der Jungen in anderem Licht erschienen. Das Spektrum der inneren Verletzungen, die die Jungen mit sich herumtragen, reichte von Schuld am Tod von Geschwistern, elterlicher Gewalt, Tod von nahen Angehörigen oder der Angst vor Entführung.

Unsere Aufgabe war es an diesem Abend zu beginnen, anzuregen, zu erzählen. Wir trösteten auch, zeigten Verständnis, aber wir versuchten nicht die Probleme zu lösen oder wieiterführende Massnahmen zu veranlassen. Der Abend war keine Therapiegruppe, wir zeigten "nur" menschliches Mitgefühl und Verständnis. Die Gruppe reguliert sich in ihrem "tun" selbst. Die Befürchtung, dass der Abend ausser Kontrolle gerät, weil wir für solcherlei Arbeit nicht ausreichend ausgebildet sind, scheint die Erfahrung der beiden Kollegen aus Biebrich zu widerlegen. Die Jungen, die in den vergangenen Jahren an ähnlichen Projekten teilgenommen haben und diese teilweise wiederholten, haben nie über Nachteile berichtet. Aber wovon sie vielleicht das erste mal den Eindruck bekommen haben, war sicherlich, dass es auch für Jungen möglich ist anderen Jungen von eigenen Problemen zu berichten, das es nichts schlimmes ist vor anderen zu weinen oder einen Freund in den Arm zu nehmen.


benötigtes Material:
Die genaue Planung und Organisation der vielen verschiedenen Aktionen machte es nötig, viele unterschiedliche Dinge mitzunehmen. Dies waren teilweise Gegenstände, die eine besondere Erfahrung im Umgang voraussetzten und sicherlich nicht überall vorhanden sind. Eine genaue Planung und die Sicherheit an alles gedacht zu haben, war wichtig für einen reibungslosen Ablauf des Projekts. Zu den mitgenommenen Sachen gehörten:

  • Videofilm "Stand by Me", Vidiorecorder vor Ort
  • Walkie Talkies für die Kommunikation zwischen den Bussen
  • Pfeile, Schnur und Zielscheibe fürs Bogenschießen
  • Stifte und Karten zum beschreiben (Kartenabfragen)
  • Tagebücher (16 Stück)
  • Augenbinden
  • Ein Seil (Seilführung)
  • Süßigkeiten für den Schatz und Schatzkiste (Schatzsuche)
  • 2 Kleinbusse (Kinderexpress und Reduit)
  • Leuchtstäbe und Angelschnur (Nachtwanderung)
  • Lebensmittel
  • Teilnehmerliste
  • Fackel, Terpentin, Sporen (Feuerspucken)
  • Kassettenrecorder und Musik (Wecken/ Vivaldi, Traumreise)
  • FlipChart und Papier
  • Taschenlampen
  • Vorlesegeschichte (Orla, der Froschfresser)
  • Grabkerzen (Nachtwanderung)
  • Kerzen (Athmosphäre)
  • ISO-Matten
  • Igel - Bälle (Massage)
  • abschließbare Kasse (für Geld, Handys, Taschenmesser)
  • Messer
  • Landkarte der Gegend
  • Digitalkamera, Anschlusskabel und TV vor Ort
Jörg Rudolph, GMZ Schelmengraben, 14.08.2001
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