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Joerg-Rudolph.de - Jugendkulturprojekt

Bildhauerarbeiten mit straffälligen Jugendlichen

Das Gemeinschaftszentrum Schelmengraben hat in Kooperation mit der Jugendgerichtshilfe in den Herbstferien 2000 und den Osterferien 2001 zwei je einwöchige Kulturprojekte durchgeführt. Teilnehmer waren straffällig gewordenen Jugendliche, die im Rahmen der Projekte ihre Arbeitsstunden ableisten konnten. Die Ergebnisse dieser beiden Projekte waren unterschiedliche Skulpturen, die in einer Ausstellung gezeigt werden sollen.

In der Jugendkulturwerkstatt im Gallus in Frankfurt arbeiten schon seit mehreren Jahren Pädagogen und Künstler mit straffällig gewordenen Jugendlichen im Alter von 14-18 Jahren. Die Jugendlichen werden von der Jugendgerichtshilfe in die Jugendkulturwerkstatt geschickt und können bzw. müssen dort ihre Arbeitsstunden ableisten. Sie kommen regelmässig in die Einrichtung (Di/Mi/Do, 16-20.00 Uhr) und müssen überwiegend mehr als 80 Stunden ableisten.

Sie arbeiten mit den Materiealien Stein, Holz und Metall. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit eigene Ideen umzusetzen, oft muss aber auch an gemeinsamen Stücken gearbeitet werden, z.B. wenn eine Ausstellung bevorsteht. Das erste Stück jedoch, das alle Jugendlichen fertigstellen müssen, ist ein ca. 30 cm lang Ratte, die mit Schneidbrennern aus Metallblech geschnitten wird. Die vielen unterschiedlichen Ratten bevölkern die Werkstatt überall.

Die Werkstatt ist mit allen notwendigen Geräten ausgestattet, dazu gehören Schweißgeräte, Flex, Bohrmaschinen, Kettensägen usw. Die Halle mit den Werkstätten steht in einem Industriegebiet, so das Nachbarn durch die hohe Lautstärke der Arbeiten nicht gestört werden können.

Der Kontakt zur Kulturwerkstatt entstand bei einer Besichtigung der Werkstatt im Frühjahr 2000. Ziel war es damals ein Jugendkultur-projekt für den Wiesbadener Stadtteil Schel-men--graben zu initiieren. Aufgrund des Konzepts der Kulturwerkstatt Gallus wurde aber relativ schnell klar, dass die Umsetzung in Kooperation mit der Jugendgerichtshilfe erfolgen musste (Abordnung der Jugendlichen, Finanzierungsmöglichkeiten für solche Projekte). Geeignete Räume fanden wir auf dem Schlachthofgelände Wiesbaden. Die dortige Werkstatt des Start-Projekts war ein idealer Ort um Jugendlichen alle kreativen Freiheiten zu ermöglichen.

Um die Umsetzung des Konzeptes der Kulturwerkstatt Gallus in Wiesbaden zu testen, verständigten sich die beteiligten Mitarbeiter des Jugendamtes (GMZ Schelmengraben), der Jugendgerichtshilfe und des Start-Projektes zwei Projektwochen in den Herbstferien 2000 und den Osterferien 2001 durchzuführen. Danach sollte entschieden werden ob und wie eine langfristige und regelmässige Möglichkeit für Jugendliche in Wiesbaden geschaffen werden kann, Arbeitsstunden bei der Bearbeitung von Stein, Holz und Metall abzuleisten.


Zielsetzung:

Mit dem Projekt "Draufschlagen" soll jungen Straftätern die Möglichkeit zu kreativer und konstruktiver Arbeit gegeben werden. Denn oft fehlen den jungen Leuten Erfolgserlebnisse, Anerkennung und Selbstbestätgigung. Die Folge ist nicht selten aggressives und destruktives Verhalten, daß sich gelegentlich auch in Form von Straftaten ausdrückt.

Was dabei herauskommt, wenn man Kraft und Energien positiv einsetzt, zeigen die von den Jugendlichen bearbeiteten Steine. Die Jugendlichen werden mit richterlichem Beschluss dazu verpflichtet, an dem Projekt teilzunehmen, d.h. es besteht Anwesenheitspflicht.


Finanzierung und Organisation:

Durch die Kooperation mit Start konnten die Räume im Schlachthof unentgeltlich genutzt werden. Der Künstler Michael Siebel erhielt für die Woche DM 1000,- Honorar und DM 500,- für Material. Die Kosten wurden durch die Jugendgerichtshilfe übernommen. Die benötigten Arbeitsmaterialien und Werkzeuge wurden mit Hilfe von Clemens Mellentin aus Frankfurt organisiert (Kleinbus).


Erstes Projekt - Herbstferien 2000:

Die erste Projektwoche fand in der ersten Herbstferienwoche von Montag bis Freitag und von 8.00 - 14.00 Uhr statt. Es waren 6 Jugendliche anwesend, die von Michael Siebel (Bildhauer und Künstler) betreut wurden. Die Jugendlichen waren alle Schüler und mussten ca. 50 Arbeitsstunden ableisten, davon 25 in dieser Woche. Vermittlet wurden die Jugendlichen durch die Jugendgerichtshilfe Wiesbaden, mit Unterstützung der verantwortlichen Richter.

Am Montag gab es eine Vorstellungsrunde mit Clemens Mellentin (Start). Es wurden organisatorische Dinge geklärt aber auch über die Arbeitsstunden und die zugrundeliegenden Straftaten gesprochen.

Die Arbeitsmotivation der Jugendlichen war während der Woche sehr unterschiedlich. Einige Jugendliche waren sehr motiviert, hatten sofort eine Idee was aus dem Stein werden sollten und machten sich zielstrebig an die Umsetzung. Andere wiederum brauchten einige Zeit um ihrem eigenen Stein, den sie sich ausgesucht hatten, irgendetwas brauchbares abzuringen. Mit Unterstützung von Siebel, der mit hilfreichen Tips und Ideen zur Seite stand, arbeiteten schliesslich alle Jugendlichen an ihrem Stein. Nach dem groben herausarbeiten der ersten Form, wurden die Schläge von Hammer und Meißel nach und nach immer genauer und feiner, bis gegen Ende mit kleinen Stemmeisen und Sandpapier der Stein den letzten Schliff bekam.


Zweites Projekt - im GMZ Schelmengraben

Die zweite Projektwoche wurde in den Osterferien 2001 vom 9.4. - 12.4. im Gemeinschaftszentrum (GMZ) Schelmengraben durchgeführt. Die Werkzeuge waren teilweise vorhanden, alles andere brachte der Künstler aus Frankfurt mit. Die Jugendlichen bearbeiteten auf einem Platz vor dem GMZ Skulpturen aus Stein. Auch hier wurden die sieben teilnehmenden Jugendlichen durch richterlichen Beschluss zur teilnahme verpflichtet (weitere Infos siehe Pressebericht).


Wunschdenken - Folgen für Wiesbaden

In der Jugendkulturwerkstatt in Frankfurt können Jungenliche an drei Nachmittagen in der Woche für jeweils vier Stunden ihre Arbeitsstunden ableisten. Sie werden von einer Sozialarbeiterin und von M. Siebel als Künstler betreut. Die Werkstatt ist den Gerichten bekannt und wird von den Frankfurter Richtern unterstützt. Der organisatorische Aufwand, Räumlichkeiten und Werkzeuge, ist zumindestens in der Anfangsphase, sehr kostenintensiv und kann aufgrund der benötigten Räume nur schwer an bestehende Einrichtungen in dichtbesiedelten Wohngebieten angegliedert werden.

Wenn man demnach an eine Umsetzung des Projekts für Wiesbaden denkt, stellt sich zum einen die Frage der personellen Betreuung aber auch die Frage der nutzbaren Werkstätten. Weiterhin muss das Konzept von den Wiesbadener Richtern abgesprochen und schliesslich von Ihnen angenommen werden.


Kulturarbeit im Schelmengraben - Living Stone ?

Eine weitere Idee, die ebenfalls aus Frankfurt bis nach Wiesbaden gedrungen ist, trägt im Frankfurter Stadtteil Gallus den Namen "Living Stone".

Mit Hilfe der Spende einer grösseren Bank wurde ein Stein aus einem Steinbruch in einen kleinen Park im Gallus verbracht und auf einem Betonfundament verankert. Um den Stein wurde ein Zaun, ein Container als Büro und eine Toilette aufgestellt. In den folgenden Monaten konnten sich Bürger aus dem Stadtteil, Schulklassen, alte Menschen und junge Menschen mit Hammer und Meissel ihre ganz persönlichen Gestaltungsideen für diesen Stein entwickeln und zusammen umsetzen. Die kleinen und grossen Bildhauer hatten zu Beginn die Möglichkeit ihr Können an kleineren Steinen zu erproben und im Rahmen eines Gesamtkonzeptes entstand aus dem mehrere Tonnen wiegenden Klotz ein Kunstwerk, das im Stadtteil geboren und durch Bürger des Stadtteils auf die Welt gebracht wurde.

Nachdem die erste Bauphase abgeschlossen ist, sieht das Konzept vor, das sich der "Living Stone" in den nächsten Jahren durch weitere Arbeitsphasen wandelt und weiterentwickelt.

© Jörg Rudolph 2003
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