Diplomarbeit: Vergewaltigung in der Ehe
Homepage | Last Update: 09/2003
Diplomarbeit im Fachbereich Sozialarbeit
der Fachhochschule Frankfurt am Main, WS 96/97


Thema: Vergewaltigung in der Ehe


Ein Beitrag zur Diskussion um die Änderung des § 177 StGB (Vergewaltigung) unter historischen und rechtspolitischen Gesichtspunkten


Referent: Nils Volkersen
Co-Referent: Reinhard Scharfe
Abgabetermin der Arbeit: 05. Mai 1997
Name des Verfassers: Jörg Rudolph



"Gesetze sind der in bestimmte Formeln gebrachte und darin ausgedrückte soziale Zustand eines Landes, sie spiegeln denselben ab."

August Bebel, 1883




Vorwort
Das Thema meiner Diplomarbeit löste bei Freunden und Bekannten vielerlei Reaktionen aus. Die häufigste Reaktion bei Kommilitonen, die ebenfalls am Fachbereich Sozialarbeit studieren, war die Bemerkung: "Da hast du Dir aber ein schwieriges Thema ausgesucht!" Nun, warum schwieriger als andere Themen der Sozialarbeit?

Zum einen, weil die Menschen auf alles was mit Sexualität in Zusammenhang steht, sehr emotional und heftig reagieren. Um so mehr, wenn es sich um Sexualität in Verbindung mit Gewalt innerhalb der Familie handelt. Es werden eigene, innere Ängste berührt, eigene, vielleicht schlechte Erfahrungen angesprochen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Weiterhin ist es auch heutzutage noch sehr ungewöhnlich, daß sich ein Mann mit dem Problem Vergewaltigung befaßt, eigentlich - das sollte ›mann‹ bedauern - ein feministisches Thema, ein Problem von Frauen. Mehr als einmal hatte ich im Laufe der Ausarbeitung den Eindruck, daß ich selbst mich zum Feministen wandeln müßte, um die Ängste, die Einstellungen und die Schwierigkeiten der Folgen sexueller Gewalt zu verstehen. Die Wortschöpfung, so paradox sie erscheint, macht deutlich, wie polarisiert die Diskussion teilweise geführt wird.

Die logische Schlußfolgerung aus diesen Überlegungen führte mich zur rechtlichen Perspektive, die versucht objektiv und neutral beide Seiten, Opfer und Täter, Frau und Mann, miteinander zu verbinden, um einerseits dem Opfer den nötigen Schutz und dem Täter ein ›gerechtes‹ Urteil zu ermöglichen. Daß wir von diesem Ideal noch weit entfernt sind, gesellschaftlich und rechtlich, beweist die zentrale Frage der Gesetzesreform: Ist die eheliche Vergewaltigung auch eine Vergewaltigung im Sinne des § 177 StGB?

Die Bedeutung der rechtlichen, hier der strafrechtlichen Grundlagen für die soziale Arbeit darf nicht unterschätzt werden. Die Streichung des Wortes "außerehelich" aus dem § 177 StGB hat bedeutende Auswirkungen auch auf die Arbeit sozialer Institutionen, die vergewaltigte Frauen beraten, betreuen, Selbstbewußtsein vermitteln und bewältigbare Auswege und Ausstiege aus Gewaltfamilien ermöglichen wollen.




Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 6

2. Definitionen - Ursachen - Zusammenhänge 8

2.1. Die Opferperspektive 8
2.2. Gesellschaftliche Perspektiven - Soziale Definitionen 10
2.3. Ein täterorientierter Erklärungsversuch 11
2.4. Feministische Ursachenanalyse 12
2.5. Was ist eine Vergewaltigung? 13
2.6. Vergewaltigung in der Ehe 13
2.7. Opfer - im Ermittlungs- und strafgerichtlichen Verfahren 16
2.8. Männer vergewaltigen Männer 19
2.9. Rechtliche Definition 19

3. Rechtsgeschichtlicher Überblick 20

3.1. Einleitung 20
3.2. Altjüdisches Recht - Altes Testament 20
3.3. Römisches Recht 21
3.4. Kanonisches Recht 22
3.5. Die germanischen Volksrechte 23
3.6. Die Carolina 24
3.7. Das Reichsstrafgesetzbuch (RStGB) von 1871 26
3.9. Vom RStGB bis zum 4. Strafrechtsreformgesetz 28
3.10. Reformdiskussion und Gesetzentwürfe 30
3.11. Zusammenfassung 32

4. Aktuelle rechtliche Grundlagen 33

4.1. Zum Vergewaltigungsbegriff nach § 177 StGB 33
4.2. Für die eheliche Vergewaltigung anwendbare Auffangtatbestände 38

4.2.1. Strafbarkeit nach § 240 StGB - Nötigung 39
4.2.2. Strafbarkeit nach § 223 StGB - Körperverletzung 41
4.2.3. Strafbarkeit nach § 185 StGB - Beleidigung 43

4.3. Zusammenfassung 43

5. Die rechtspolitische Diskussion 45

5.1. Eheliche Vergewaltigung im Rahmen der Grundgesetz-Ordnung 46
5.2. Verpflichtung zum Geschlechtsverkehr nach § 1353 BGB 48
5.3. Wirkungslosigkeit einer Strafrechtsänderung 50

5.3.1. Häufigkeit ehelicher Vergewaltigungen 50
5.3.2. Anzeigebereitschaft 51
5.3.3. Beweisschwierigkeiten - Anzahl der Verurteilungen 52

5.4. Gefahr falscher Anzeigen und Erpressung 53
5.5. Scheidungsantrag 55
5.6. Indikation zum Schwangerschaftsabbruch 56
5.7. Rücknahme der Anzeige 57
5.8. Einstellung in der Bevölkerung - Empirische Gesichtspunkte 58
5.9. Andere Rechtsordungen 59
5.10. Zusammenfassung 60

6. Reform der Sexualdelikte 62

6.1. Strafbarkeit der ehelichen Vergewaltigung 62
6.2. Geschlechtsneutrale Tatbestandsfassung 63
6.3. Gleichstellung aller Formen des körperlichen Eindringens 63
6.4. Neudefinition des Gewaltbegriffes 64
6.5. Der minder schwere Fall 66
6.6. Die Widerspruchsregelung 68
6.7. Änderung oder Streichung des § 179 StGB 69
6.8. Streichung des § 237 StGB 70
6.9. Rechte des Tatopfers im Strafverfahren - Änderungen der StPO 70
6.10. Alternativen zur Freiheitsstrafe - Therapie statt Strafe 71
6.11. Sonderzuständigkeit bei der Staatsanwaltschaft 73

7. Schlußbemerkung 73

7.1. Aktuelle rechtliche Entwicklungen 73
7.2. Persönliche Stellungnahme 74

8. Literaturverzeichnis 77

9. Abkürzungsverzeichnis 81

10. Anhang 82

A. Gesetzentwurf der Regierungskoalition vom 19. April 1996 82
B. Gesetzesentwürfe zur Reform der sexuellen Gewaltdelikte - Synopse 83
C. Korrelationsfaktoren ehelicher Gewalt 85
D. Gesetzestexte 86
E. Zeitungsartikel zum Thema "Vergewaltigung in der Ehe" 93

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